Gewohnheiten ändern mit Achtsamkeit – Interview mit Dr. med. Malte Thormählen

Sich nicht vergiften – Es gibt nichts, über das man sich täuschen kann. Wenn wir dies verstehen, verwirklichen wir das Erwachen

thormaehlen_malteDr. med. Malte Thormählen ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und MBCT-Lehrer in Bonn. Mit ihm habe ich in einem Interview über „schlechte“ Gewohnheiten und Möglichkeiten zur Veränderung mittels Achtsamkeit gesprochen.

3 schätze: Lieber Malte, in Deiner Praxis für Psychotherapie begleitest Du Menschen in schwierigen Zeiten, mit den vielfältigen Möglichkeiten der Psychotherapie, Psychiatrie, Medizin und Achtsamkeitskursen. Nun bietest Du mit Eat Right Now® ein Achtsamkeitstraining für ein gesundes Verhältnis zum Essen und mit Craving to Quit ® ein 21 Tage Programm an, das einen einfachen Weg bietet, um aus dem Rauchen langfristig und nachhaltig auszusteigen. Sie bestehen jeweils aus einer App und einer fortlaufenden Anwesenheitsgruppe und arbeiten nach dem umgekehrten Klassenraum Modell. Warum sind Gewohnheiten so gefährlich?

Malte Thormählen: Übergewicht und Rauchen sind zusammen an mehr als zwei Drittel der Zivilisationskrankheiten in der Westlichen Welt schuld. Deshalb hatte der TED Talk „A simple Way to change a bad habit“ des Neurowissenschaftlers Professor Judson Brewer  tätig am weltweit bekannten Center for Mindfulness an der UMASS von Jon Kabat Zinn wahrscheinlich mehr als 6.000.000 Aufrufe in 2016 und war damit der 4. häufigst aufgerufene Beitrag.

3 schätze: Worum geht es Dir bei Deiner Arbeit?

Malte Thormählen: Da Achtsamkeit mir persönlich nutzt und ich auch die Teilnehmer aus meinen MBCT Kursen häufig über gute Erfahrungen mit Achtsamkeit bei Depressionen und Ängsten berichten, habe ich nach Möglichkeiten gesucht welche  Anwendungsmöglichkeiten es noch im Medizinischen Bereich gibt.

3 schätze: Und dabei bist Du auf Judson Brewer gestoßen?

Malte Thormählen: Nach einem Hinweis eines befreundet Psychotherapeuten und Yogalehrers aus meinem Intervisionszirkel Psychotherapie auf das Mindfulness Summit habe ich einen Videointerview mit dem Abhängkeitspsychiater Judson Brewer gesehen
und war sofort Feuer und Flamme. Nach einem kurzen Emailwechsel habe ich angefangen die Videovorträge und Übungen aus der Craving to Quit App zu übersetzten, um eine deutsche Version der Raucherentwöhnungs App vorzubereiten.

3 schätze: Er hat viel mit Gewohnheiten zu tun?

Malte Thormählen: Ja genau. Judson Brewer geht davon aus, das unserer evolutionär angelegtes Belohnungssystem – es ist schon bei Algen mit nur 20.000 Neuronen angelegt – uns bei unseren Bemühungen unsere Gewohnheiten zu ändern im Weg steht.  In
seiner einfachsten Form besteht es aus Auslöser, Verhalten, Belohnung. Du findest bei deiner Nahrungsmittelsuche in der Prärie rote Beeren und stellst beim Essen fest „Ah die schmecken gut“ (Belohnung) und merkst Dir deshalb wo Du Sie finden kannst. In  prähistorischen Zeiten hat uns das das Überleben gesichert, ähnlich wie die Angst.

Übertragen auf die heutige Zeit in einer recht sicheren Umgebung mit Nahrungsüberfluss besteht dieses Belohnungssystem weiterhin. Es gibt hierzu viele bekannte psychologische Modell, wie etwa das operante Konditionieren von Skinner. Das ist erstmal gut zu wissen.

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Ungünstigerweise wird unser Einfluß auf dieses Belohnungssystem durch verschiedene Substanzen, wie Nikotin, Kokain buchstäblich übernommen. Zucker hat im übrigen bei Mäusen in Versuchen eine stärkere Anziehungskraft als Kokain. Jedesmal wenn wir eine
Zigarette rauchen wenn wir gestresst sind und uns danach erstmal besser fühlen verstärkt dies „Gewohnheitsschleife“ sich. Das hineintappen in das Dopaminsystem und die Verhaltenswiederholgen – das ist tödlich.

3 schätze: Und da kann Achtsamkeit helfen?

Malte Thormählen: Ja in der Tat, es gibt nämlich Hinweise, dass der Stirnlappen des Gehirn, in dem die Gedanken abgelegt sind, die unser Verhalten steuern sollen, in Stresssituation schneller aussetzt. Das ist natürlich fatal, wenn man davon ausgeht, das bisherige Therapieformen wie die Verhaltenstherapie genau dort ansetzten. Dagegen kann Achtsamkeit wahrscheinlich gezielt die Mechanismen, die zur Abhängigkeit führen, angehen.

3 schätze: Wie genau muss ich mir das praktisch vorstellen?

Malte Thormählen: In dem Achtsamkeit dabei hilft zu erkennen, dass das Verlangen auf das Suchtmittel (Zigaretten, Essen) letztlich aus Gedanken, Körperempfindungen und Gefühlszuständen besteht. Durch die Moment zu Moment Erfahrung des Entstehen und
Vergehens einer Welle des Verlangens, kann ich erkennen, es geht vorbei anstatt, der häufig verbreiteten Vorstellung, es hält für immer an.

rauchfrei-zeichen-013 schätze: Was für ein Weg wird dadurch beschritten?

Malte Thormählen: Durch die Aufmerksamkeitslenkung auf etwa das Rauchen einer Zigaretten wird ein Teilnehmer damit zitiert: „Bah, es schmeckt nach stinkendem Käse und Chemie!“ Durch die unmittelbare Erfahrung entsteht eine Entkopplung von Verlangen
und Verhalten. Wir können uns von unseren schlechten Gewohnheiten befreien.

3 schätze: Das ist alles?

Malte Thormählen: Ja, durch die Entkopplung und die Fähigkeit bei sich zu bleiben entsteht vermutlich die kraftvolle Möglichkeit zur Veränderung.

3 schätze: Was ist das umgekehrte Klassenraummodell?

Malte Thormählen: Professor Brewer verwendet die moderne Wissensvermittlung aus dem Hochschulbereich. Das hat sich, nach seiner Aussage – entgegen seiner ursprünglichen Vermutungen – als die beste Option dargestellt, um den Nutzern des Programms, das beste Ergebnis zu ermöglichen. Dabei dienen die mundgerechten Häppchen der wenige Minuten langen Lehrvideos und Übungen einer App, die Möglichkeit, zu Hause dann zu lernen, wenn man Zeit hat und nicht zu einer festgesetzten Kurszeit.

Umgekehrt können die Teilnehmer Ihre „Hausaufgaben“ das heißt Ihre Schwierigkeiten, Herausforderungen und Erfolge der Woche in der unterstützenden Atmosphäre des Klassenzimmers an den wöchentlichen Kurstagen unter Anleitung eines erfahren Kursleiters besprechen. Dadurch können die Veränderungen, da stattfindenden, wo die schlechten Gewohnheiten auftauchen – im Alltag der Menschen und nicht in einem künstlich geschaffenen Rahmen. Zudem können die Teilnehmer den wissenschaftlich nachgewiesenen Vorteil des besseren Lernens in der Gruppe gewinnen.

3 schätze: Wie lange sollte ich mir für das Programm Zeit nehmen?

Malte Thormählen: Professor Brewer hat in seinen Gruppen festgestellt, dass, wenn man zu früh zu viel erreichen will, man nicht am besten in dem Programm abschneidet. Er empfiehlt etwa für das Eat Right Now Programm eine etwa 3-monatige Teilnahme, um
das Verhältnis zum Essen zu transformieren. Die 4-wöchige Studie auf der das Raucherentwöhnungsprogramm Craving to Quit basiert, hat doppelt so gut abgeschnitten wie die Standardtherapie der Amerikanischen Lungengesellschaft.

3 schätze: Wo kann ich einen Kurs mitmachen?

Malte Thormählen: In den Kurs kann laufend in der Praxis für Psychotherapie und Achtsamkeit, Rochusstrasse 137, 53123 Bonn immer Donnerstags von 17:00 bis 18:00 eingestiegen werden. Voraussetzung ist der Besitz eines Smartphones und die Verwendung der entsprechenden App. Die Kurse finden in einer gemischten Gruppe statt, da, die zugrundeliegenden Mechanismen die gleichen sind. Die Kosten belaufen sich für den Kurs mit 4 Terminen auf ca. 80,00 € plus die Kosten der App, ab ca. 25,00 € pro Monat. Die App ist derzeit noch auf einfach verständlichem Englisch, für die meisten Lehrvideos und Übungen gibt es aber deutsche Text- und Audiodateien, die kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Der Kurs ist natürlich auf Deutsch.

Anmeldung unter www.therapiedrt.de. Für Eat Right Now gibt es eine 4-tägige Testversion gratis!

Ein Interview mit Dr. Malte Thormählen und Angelika RedlingAchtsamkeit vs. Depression: MBSR / MBCT“ findest Du hier

logo_praxis_thormaehlenDr. Malte Thormählen
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
MBCT-Lehrer, Bonn

www.therapiedrt.de

Achtsamkeit vs. Depression: MBSR / MBCT

Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie – Jahrtausendealte Weisheit vereint mit aktueller Forschung

Viele Menschen kennen mittlerweile MBSR (Mindfulness based Stress Reduction, Stressbewältigung durch Achtsamkeit) von Jon Kabat-Zinn als wirksame Praxis von Achtsamkeit. MBCT (Mindfulness based Cognitive Therapy; achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie) ist dagegen wahrscheinlich noch nicht so geläufig. Ich habe die Diplom-Psychologin Angelika Redling (AR) und Dr. med Malte Thormählen (MT) eingeladen mit mir über diese beiden Methoden der Achtsamkeitspraxis zu sprechen.

3 schätze: Könnt Ihr zu Anfang etwas zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der beiden Methoden sagen?

AR: MBSR wurde vor über 30 Jahren von Jon Kabat Zinn als ein 8-wöchiges  Trainingsprogramm zur Stressbewältigung entwickelt. Sein Verdienst ist auch, dass er dieses Training beforscht hat, bei Schmerzpatienten und anderen chronischen und körperlichen Erkrankungen. Er hat Achtsamkeit als wirksames Mittel entdeckt, Schmerzen zu reduzieren und mehr Freiheit zu entwickeln im Umgang mit Gedanken, die uns immer wieder in Stressspiralen reinbringen können. MBCT wurde auf der Grundlage von MBSR entwickelt und ist auch ein 8-wöchiges Trainingsprogramm, bei dem man sich einmal in der Woche für zwei bis drei Stunden in einer Gruppe trifft. Man verbindet hier Übungen aus der kognitiven Verhaltenstherapie mit verschiedenen Achtsamkeitsübungen.

3 schätze: So weit ich weiß gibt es in MBSR die 3 Säulen der Achtsamkeitspraxis. Diese  sind die Achtsame Körperarbeit (oftmals Yoga), die Sitzmeditation (Aufmerksamkeit auf den Atem, die Körperempfindungen, die Gedanken, die Gefühle, …) und den Bodyscan. Kannst Du dazu was erzählen?

AR: Ja, genau, das sind die Basisübungen, welche im MBCT vom MBSR übernommen wurden und die wir im MBCT ganz genauso üben. In der ersten Hälfte des MBCT Trainings lernen die Teilnehmer verschiedene Formen von Achtsamkeitsübungen, vor allen Dingen die Konzentration auf den Atem, (geführte) Sitzmeditation, Gehmeditation und den Bodyscan. Dazu kommen dann Übungen, die wir aus der kognitiven Verhaltenstherapie kennen, zur Heilung von Depressionen.

3 schätze: Achtsamkeit: Was ist das überhaupt?

MT: Also bei der Achtsamkeit in der Definition von Jon Kabat Zinn geht es um eine nicht-wertende Präsenz, im Hier & Jetzt zu sein und dies bewusst, absichtsvoll herzustellen, sich in der Gegenwart zu befinden. Aus dieser Haltung entspringen dann die ganzen Vorteile, die gerade eben auch beim Umgang mit Depressionen helfen. Wenn Depressionen auftreten ist es einfach ganz häufig so, dass Vergangenheitsbezüge oder auch Zukunftssorgen entstehen und an der Stelle können dann Achtsamkeitsübungen einsetzen, so dass man sich wieder zurückholt und für sich klärt, was ist denn jetzt eigentlich wirklich da.

3 schätze: Also eine Art Realitäts-Check?!

MT: Genau, wo sind jetzt gerade meine Gedanken und was hat das mit der Situation zu tun, in der ich mich gerade befinde.

3 schätze: Wie ist MBCT eigentlich entstanden?

MT: Eine Arbeitsgruppe um Mark Williams, einem klinischen Psychologen in England, die zum Thema Depression und Rückfallprävention geforscht und später MBCT entwickelt hat, verbrachte seinerzeit auch ein gemeinsames Forschungsjahr mit Marsha Linehan*. Sie brachte die MBSR Übungen damals aus den USA mit und so stießen die Forscher dann auf Jon Kabat Zinn. Die Forscher sind über ihre Forschung im Bereich Depression und deren Behandlungsmöglichkeiten, bei der Feststellung, dass Gedanken hierbei eine große Rolle spielen, hellhörig geworden und wollten die Achtsamkeitspraxis mit viel Enthusiasmus auch sofort anwenden. Nur hatte keiner von ihnen vorher Meditationserfahrung und so waren sie anfangs eher frustriert, dass das in ihren Vorstudien nicht so wie erhofft funktionierte. Bei mir war das ähnlich, ich hatte ein Buch zu MBCT gelesen und hatte damals eine Patientin, die an Depressionen litt. Ich habe das Buch dann allerdings auch erstmal schnell wieder beiseite gelegt, da ich auch keine Praxis in Meditation und Achtsamkeit hatte. So habe ich dann allerdings zur Meditation gefunden und damit begonnen.

3 schätze: Als strukturiertes, achtsamkeitsbasiertes Verfahren, wird die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie (MBCT) laut dem MBSR-Verband mittlerweile auch im Rahmen der Psychotherapie eingesetzt und dient als nachweislich wirksames Rückfallprophylaxeprogramm bei Depressionen und Angstzuständen. Wie sind Eure Erfahrungen?

AR: Ein großes Problem bei Depressionen ist ja, dass diese oftmals wiederholt auftreten, wenn man einmal daran erkrankt ist. Das Risiko, dass sich eine Depression wiederholt liegt bei ca. 50% und sobald man mehrere Phasen gehabt hat, steigt es sogar auf 80 – 90% an. Mit den MBCT Kursen verringert sich das Rückfallrisiko um 50%.

3 schätze: Den Begriff der Achtsamkeit findet man ja in den letzten Jahren immer häufiger in verschiedenen Kontexten wieder und manchmal erscheint er mir fast so inflationär, wie einst „Zen und die Kunst des…“. Angelika, Du hast ja auch eine langjährige Praxiserfahrung mit Zen-Meditation und der Praxis der Achtsamkeit nach Thich Nhat Hanh. Kannst Du etwas über Deine Erfahrungen berichten?

AR: Ich habe mit Anfang 20 Zazen kennengelernt. Damals hatte ich noch nicht studiert und bin da ganz intuitiv gelandet und hatte erst mal nur das Gefühl, das sei etwas was mir hilft, mich in meinem Chaos etwas besser zurechtzufinden. So habe ich Zazen, auch später im Beruf, immer als meine persönliche Praxis beibehalten. Erst viel später bin ich dann darauf aufmerksam geworden, dass dies ein hilfreiches Mittel ist, z.B. für Menschen mit der Borderline Erkrankung, die große Schwierigkeiten haben mit ihrem impulsiven Verhalten und ihren schwierigen Gefühlen. Das war so das erste Mal, dass hier für mich die Verbindung erkennbar wurde, zu dem was ich in meiner Zazen Praxis als persönlich hilfreich empfunden habe, was ich aber nie so richtig ausdrücken konnte. Erst durch die Arbeiten von Marsha Linehan, Jon Kabat Zinn und Mark Williams, die so gut begründen, was an dieser Praxis hilfreich ist, konnte ich tiefer verstehen, was mir immer wieder hilft. Für mich war es auf jeden Fall ein sehr glücklicher Moment, zu sehen, wie diese Achtsamkeitspraxis in der Psychotherapie und in der Forschung angekommen ist und wir inzwischen belastbare Ergebnisse haben, wie sehr dies Menschen unterstützen kann. Inzwischen ist ja auch die Neurophysiologie dazugekommen, die zeigt, wie neurobiologische Veränderungen passieren können im Laufe einer solchen Übungspraxis. Wobei Achtsamkeitspraxis und Zazen noch einmal zwei verschiedene Übungswege sind.

3 schätze: Ich erinnere mich, dass mein Lehrer, Roland Yuno Rech, vor kurzem auf einem Sesshin (Retreat) im Mondo dazu gefragt wurde und er sagte, dass er die moderne Achtsamkeitspraxis (Mindfulness) gerade für Menschen aus westlichen Ländern als einen sehr guten Einstieg in die Meditation versteht. Er sieht MBSR eher als sehr basale Aufmerksamkeitsschulung, während er Zazen als Praxis des Erwachens lehrt, die über das hinausgeht, was im MBSR und MBCT als hilfreiches Mittels angeboten wird. Für ihn ist wichtig, dass MBSR Lehrer dies auch so vertreten und diese Praxis nicht als neue, moderne Erwachenspraxis verkaufen.

MT: Ich komme ja eher aus einer medizinisch, wissenschaftlichen Ecke und bin sehr froh, dass Menschen, wie z.B. Jon Kabat Zinn mir den Weg zu seiner Form der Achtsamkeitspraxis eröffnet haben. Sonst wäre ich da wahrscheinlich nie hingekommen. Mittlerweile bin ich bei Akincano Weber gelandet, bin in einer Übungsgruppe, wir lesen Pali-Texte und auch wenn ich vieles davon noch nicht wirklich verstehe, hat das meinen Weg auf jeden Fall noch einmal verändert. Im MBSR und MBCT gehen wir einen sehr handfesten Weg, der erstmal nutzen und helfen soll und trotzdem gibt es da noch eine größere Dimension. Umgekehrt kann ich mir aber vorstellen, dass man als Lehrer von MBSR und MBCT eher Leute abschrecken würde, wenn man z.B. einen buddhistischen Weg in den Vordergrund stellen würde. Ich kann mir vorstellen, dass man vielleicht eher Leute ins Boot holen kann, wenn man Achtsamkeit erstmal ganz trocken anbietet.

AR: Ja und auch den Nutzen raus stellt für Menschen, die unter Depressionen leiden, denn für die ist das schon sehr bedeutsam, wenn sie über einen solchen Kurs sagen können, da sind Gedanken, die oft sehr quälend sind aber ich kriege immer mehr eine Idee davon, dass dies Phänomene sind, die auch wieder gehen. Dies ist ein Geschmack von Freiheit gegenüber dem was da immer wieder auftaucht. Das ist eine ganz große Erleichterung und vielleicht so was wie ein kleines Erwachen, ein „Aha, ich bin gar nicht meine Gedanken“. Wenn wir dahin schauen, wie Depressionen immer wieder aufrecht erhalten werden, in dem man solchen Gedanken folgt und sich über dieses Grübeln immer weiter dorthin hinein dreht, nach Gründen sucht, warum man so schlecht ist und Lösungen sucht, ist dies ein enorm wichtiger Schritt zur Heilung. Zurückzutreten und diese Gedanken zu sehen, sie einfach nur wahrzunehmen, sie im Körper zu spüren, Gefühle wahrzunehmen und einfach erst mal eine gewisse Beobachterperspektive einzunehmen. Achtsamkeit ist aber auch, mit Mitgefühl auf die Dinge zu schauen. Das erlebe ich in den Kursen häufig, dass Menschen mit Depressionen, die sich ja oft auch noch Vorwürfe machen, dass sie eben so schlecht über sich denken, Mitgefühl und eine freundliche Haltung sich selbst gegenüber zurückgewinnen.

MT: Dies ist ja auch ein starker Kontrast zur klassischen Therapie von Depressionen, das man auch ganz radikal sagt, ich ändere jetzt mal nichts, ich lasse das jetzt so stehen, schaue mir das an und sehe, dass die Gedanken dorthin zurückkehren, wo sie hergekommen sind. Viele Behandlungsmethoden zielen ja eher darauf ab, Dinge zu verändern, die Situation umzudrehen usw.

3 schätze: Wie nachhaltig ist MBSR oder MBCT als Praxis, als Weg? Ist es etwas, was Menschen in Krisenzeiten ausprobieren, um klarzukommen oder nutzen viele die Praxis dauerhaft und integrieren sie in ihr Leben?

AR: Aus meiner Erfahrung ist das sehr unterschiedlich. Zum einen bietet die Zeit eines solchen achtwöchigen Kurses eine gute Gelegenheit, dass man regelmäßig übt. Dies ist erst mal ein Anfang. In der letzten Stunde sagen wir aber auch, das dies nicht die letzte Stunde ist, sondern das die letzte Stunde der Rest des Lebens ist. So sagt es Jon Kabat Zinn auch. Es geht also im Grunde darum, eine Praxis für sich zu finden, mit der man kontinuierlich für sich übt. Das wird aber sehr unterschiedlich gehandhabt. Wir haben für uns mal gemessen und fanden es sehr beeindruckend, wie sehr solche depressiven Symtome schon nach einer relativ kurzen Zeit von 8 Wochen zurückgegangen sind. Hierbei spielt auch der Kontakt zur Gruppe eine wichtige Rolle. Einige der Teilnehmenden sehe ich dann aber auch nach einiger Zeit wieder bei mir in der Praxis und sie berichten, dass sie die Praxis nach dem Kurs sehr vernachlässigt haben. Wir müssen schon ganz klar sagen, dass mit einem achtwöchigen Kurs alleine noch keine dauerhafte Rückfallprofilaxe versprochen werden kann, sondern nur wenn man während des Kurses täglich und auch im Anschluss regelmäßig übt.

MT: Ja, das ist nichts, was einem eine schnelle Lösung verspricht, sondern das ist auf Dauer angelegt. In den 8 Wochen bekommt ein gutes Handwerkszeug und wenn man sich dahinter klemmt, profitiert man sehr gut davon.

3 schätze: Kommen die Leute gezielt wegen MBCT zu Euch oder bietet Ihr das den Patienten bei entsprechender Diagnose an?

AR: Ich habe es so erlebt, dass die meisten Menschen gezielt danach fragen, weil sie irgendwo davon gehört haben oder ein Buch in die Hände bekommen haben. „Der achtsame Weg durch die Depression“ ist z.B. ein Selbsthilfebuch von Mark Williams und Jon Kabat Zinn (Arbor-Verlag).

MT: Durch meine Arbeit in der Klinik habe ich da ein bischen eine andere Situation. Es gibt bei uns Leute, die einfach von außen kommen, über das Internet oder auf Empfehlung und dann gibt es eben die Leute, mit den wir im Rahmen der Kliniksbehandlung mit MBCT arbeiten sowie als Angebot für die Zeit nach einem Klinikaufenthalt.

3 schätze: Ich finde diese Art der Heranführung an Meditationspraxis gerade sehr inspirierend, also einen mehrwöchigen Rahmen anzubieten, um ein „Rüstzeug“ für die Praxis zu vermitteln. Meine Erfahrung ist, dass es eine große Zahl von interessierten Menschen gibt, die als Kunden in meinen Laden kommen und sich darüber hinaus in irgendeiner Form für Meditation interessieren. Viele fragen dann nach Zazen, der Zen-Meditation und ich biete dann Einführungsstunden an, nach denen bei uns jede/r mit meditieren kann. Der Zen-Weg, die Form, die Rituale bringt allerdings manche Menschen ziemlich schnell in Kontakt mit ihren Widerständen und wenn sie diese dann nicht als Chance begreifen, wenden sie sich manchmal (zu) schnell wieder ab. Zen erschließt sich allerdings nicht nach einer ein- oder zweimaligen Teilnahme und ich überlege, ob ich da nicht auch eine mehrwöchige Einstiegsphase anbieten könnte, in der die Leute ihre Bereitschaft für diesen Weg prüfen können?!

AR: Ja, Jon Kabat Zinn beginnt seine Kurse genau so. Er bittet die Teilnehmenden, sich so gut es eben geht zu bemühen und sich mögliche Fragen für das Ende eines Kurses aufzuheben. Nur so kann man der Erfahrung Raum geben. Um ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen zu gewinnen, ist wieder die Gruppe als heilsames Prinzip extrem wichtig. Zwischen den Teilnehmenden, die ja an sehr ähnlichen Symptomen leiden, entstehen Resonanzphänomene, die es ihnen leichter macht, sich Dinge anzuschauen, die erst mal als leidhaft erfahren werden, die aber Zuwendung brauchen. Wir gehen ja davon aus, dass depressive Menschen, an irgendeiner Stelle in ihrem Leben den Kontakt verloren haben, zu sich und zu anderen. Viele fühlen sich isoliert und das triggert wieder negative Gedanken. In unseren Gruppen müssen sich die Leute nicht damit verstecken und müssen nicht so tun, als wäre alles in bester Ordnung.

MT: Nützlich ist dabei auch die Möglichkeit in der Gruppe Rückmeldungen über die Erfahrungen mit der Praxis zu geben. Viele erfahren dann Erleichterung, wenn sie feststellen, dass es ja auch noch andere Menschen mit ähnlichen Schwierigkeiten gibt.

3 schätze: Neben Gier (Anhaftung) und Hass (Ablehnung), sehen wir in der buddhistischen Praxis ja die Verblendung oder Unwissenheit als eines der Drei Gifte an.  Hier ist die Erkenntnis gemeint, dass wir leiden, wenn wir uns als getrennte Wesen erleben. Vielen Menschen scheint die Sichtweise, ein getrenntes Einzelwesen zu sein, als sehr selbstverständlich und sie sehen darin erst mal gar keine Ursache für ihre Schwierigkeiten. Ist es möglich, dass ein depressiver Mensch, der schon eine gewisse Klarheit darüber hat, dass er aufgrund seiner empfundenen Trennung der Welt gegenüber leidet, sich viel einfacher dieser Tatsache stellen kann und bereits ist sich einer Veränderungen zu öffnen?

MT: Meine Kollegin, mit der ich meine Kurse anbiete, hat selbst lange unter Depressionen gelitten und sie sagt heute, dass sie eher dankbar über diese Erfahrung ist, weil sich so auf die Suche nach einem Weg gemacht, der aus diesem Leiden herausführt. Das heißt aber nicht, dass erst mal alle Menschen depressiv werden müssen 🙂

3 schätze: In Zeiten von neuen Medien, Facebook, Whats App usw. wirken manche Kinder und auch Erwachsene ja manchmal schon fast süchtig nach Handys und Computern. Im schulischen Bereich stellen sich dann oftmals Konzentrationsschwierigkeiten und eine gewisse Unausgeglichenheit ein. Arbeitet Ihr auch mit Kindern?

MT: In der Klinik haben wir eine Kinder- und Jugendabteilung und eine Kollegin dort arbeitet dort mit einem sehr auf Kinder ausgelegten Achtsamkeitstraining. Also es gibt dort , gerade auch in den USA, auf jeden Fall eine Bewegung. Thich Nhat Hanh hat z.B. Achtsamkeitsübungen mit sehr einfachen Bildern für Kinder entwickelt.

AR: Die Mönche und Nonnen vom EIAB (Institut für angewandten Buddhismus) sind teilweise mit diesem Programm auch immer wieder an Schulen herangetreten und haben diese Praxis angeboten.

3 schätze: Für viele Fachleute sind Stress und Burnout inzwischen die zentralen Themen, wenn es um die Frage nach gesundheitlichen Risiken in der Arbeitswelt geht. Wie kann das MBSR-Konzept Eurer Meinung nach Menschen nachhaltig darin unterstützen, einen gesünderen Umgang mit Belastungen zu finden, nicht nur im privaten, sondern auch im beruflichen Bereich?

AR: Wie schon gesagt, ist es wichtig, dran zu bleiben. So kann man wie mit einem Fallschirm leben und stürzt nicht so schnell ab.

MT: Neue Studien belegen darüber hinaus, dass MBCT auch bei akuten Depressionen hilfreich ist, also nicht nur bei wiederholten depressiven Episoden.

AR: Wobei ich für mich da schon unterschiedlich vorgehe. Bei einer akuten Depression muss man meiner Meinung nach noch mehr schauen, aus welcher Lebenssituation jemand kommt, wie die Lebensumstände sind. Oft fallen Menschen ja durch schmerzhafte Ereignisse in die erste Depression. In dieser Phase haben sie noch einen direkten Bezug zu diese Geschehnissen, während dies bei sich wiederholenden Episoden immer weniger der Fall wird. Irgendwann wissen sie gar nicht mehr, warum sie sich so schrecklich fühlen. Da reichen dann leichte äußere Faktoren aus, um ins Grübeln zu geraten und sich stärker zurückzuziehen. Ich würde also in einer ersten Depression immer noch mehr auch auf äußerliche Bedingungen gucken. In den Kursen schauen wir dagegen kaum auf die äußeren Stressoren oder Belastungen aus der Vergangenheit, sondern legen den Fokus auf das Hier und Jetzt.

3 schätze: Hier sehe ich dann wieder deutliche Bezüge zum Zen. Trotz des Ansatzes, eine Depression heilen zu wollen, wird ein Konzept des Nicht-Eingreifens, ohne festgelegte Lösungsmodelle angeboten. Also eher eine ziellose Praxis, eine Praxis des Annehmens des Ist-Zustands.

AR: Ja, das ist der eine Ansatz und manchmal ist es aber auch sinnvoller, in schwierigen Situationen einfach den guten Freund anzurufen. Da kommt dann die Verhaltenstherapie wieder ins Spiel und es geht eher darum gute Strategien zu entwickeln, die dann hilfreich sind.

3 schätze: Sind MBSR bzw. MBCT Kurse von den Krankenkassen anerkannt und werden diese bezuschusst?

MT: Im Oktober möchte ich mich in Bonn-Duisdorf niederlassen und werde dazu eine Praxiszulassung erwerben. MBCT, was ich überwiegend anbieten möchte, kommt ja aus der kognitiven Therapie und wenn ein Arzt eine Praxiszulassung hat, kann die Krankenkasse diese Kurse als Profilaxe bezahlen.

AR: Nach meiner Erfahrung wird das von den unterschiedlichen Krankenkassen noch unterschiedlich gehandhabt, wobei der Trend schon dahin geht, dass auch immer mehr Gruppenbehandlungen wieder gewünscht werden. In England zählt MBCT schon zum Standardleistungsspektrum dazu, hier in Deutschland ist es auf dem Weg.

MT: Laut einer Umfrage unter den Hausärzten in England empfehlen 50% eine achtsamkeitsbasierte Intervention bei Depressionen. So ist das hier in Deutschland noch nicht angekommen.

AR: Daher finde ich es ganz wundervoll, dass wir hier dieses Forum haben.

MT: Ich möchte mich auch herzlich für die nette, offene und interessierte Interviewatmosphäre bedanken.

3 schätze: Ich danke Euch für dieses Interview.

Termine:

Neuer MBCT-Kurs in Köln-Ehrenfeld unter der Leitung von Angelika Redling und Marion Pahlen.
Termine: freitags, 22.08.2014 bis 31.10.2014 von 18.00 bis 20.30 (kein Kurs in den Herbstferien)
Tag der Achtsamkeit: 03.10.2014
Kosten: 330 €

Im Laufe des Jahres ist ein Informations- /Vortragsabend mit Dr. med Malte Thormählen bei 3 schätze geplant.

 

redlingDipl.-Psych. Angelika Redling ist Psychologische Psychotherapeutin und MBCT Lehrerin. Sie hat an der Universität Köln Psychologie studiert und ist seit 2009 niedergelassen mit einer eigenen Praxis in Köln-Neuehrenfeld. Neben Fortbildungen in systemischen Methoden im Rahmen der psychiatrischen Akutversorgung und einer zusätzlichen Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie, besucht sie fortlaufende Weiterbildungen in achtsamkeitsbasierten Verfahren, u.a. DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie) nach Marsha Linehan, MBSR und MBCT sowie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing; Augenfolgebewegungen). Basierend auf ihrer langjährigen persönlichen Praxis in Zen-Meditation und Praxis der Achtsamkeit nach Thich Nhat Hanh legt sie einen besonderen Schwerpunkt auf die Verknüpfung von verhaltenstherapeutischen Methoden und  achtsamkeitsbasierten Verfahren.

thormaehlen_malteDr. med Malte Thormählen wurde in Hamburg geboren. Mit seiner Familie lebt er in seiner Heimat Bonn. Das Studium der Humanmedizin an der Universtität Bonn wurde durch Auslandsemester in Wien und Ann Arbor (USA) ergänzt. Promotion 2001. Für die Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie durchlief er Abteilungen der Inneren Medizin, Neurologie, Psychosomatik und Psychiatrie und Psychotherapie. 2004/2005 fand die Ausbildung in New Orleans (USA) statt. Seit 2007 arbeitet er als Facharzt an der Somnia Klinik Hürth.
Seine psychotherapeutische und medizinische Arbeit mit den Patienten dort brachte das Interesse auf wissenschaftlich geprüfte alternative Heilverfahren. Seit 2010 praktiziert er deshalb Achtsamkeitsmeditationen. Seine Unterweisungen erhielt er am Institut für Achtsamkeit und Stressbewältigung, Bedburg, beim Meditationslehrer Mark Akincano Weber, Köln und am Europäischen Institut für Angewandten Buddhismus (EIAB, Waldbröl) des Zen Meisters Thich Nhat Hanh. Die MBCT Lehrer Ausbildung erfolgte 2012 über Arbor Seminare und das Oxford Mindfulness Center. Er erfüllt die britischen Kritrien für Achtsamkeitslehrer. Seit 2013 gibt er MBCT Kurse.

 

Weitere Infos:

www.mbsr-verband.org

mbct-koelnbonn.jimdo.com

www.therapiedrt.de

 

*Marsha M. Linehan, (geb. 05.05.1943 in Tulsa, Oklahoma) ist Professorin für Psychologie an der University of Washington in Seattle im US-Bundesstaat Washington und leitet u.a. ein Therapiezentrum für Borderline-Persönlichkeitsstörungen.